Prenzlauer Berg mon Amour- Mein Kiez jenseits von Klischees

Bionade- Boheme. Neulich hatte ich mal wieder auf einer Party die gleiche Unterhaltung „Dein Sohn geht in Prenzlauer Berg zur Schule? Oh je, dort gibt es diese schrecklich verwöhnte Gören und ihre Hipster-Eltern“, sagte eine Frau und verdrehte die Augen. „Allein diese ganze Schicksen mit ihren 1000-Euro-Kinderwagen“, sagte eine andere. „Und Berliner gibt es keine mehr. Nur noch Schwaben“, stellte ein Mann fest, der seit den Neunzigern nicht mehr hier wohnt. Und wie immer muss ich meinen Kiez verteidigen. Meine Freundinnen sitzen weder ständig im Café, noch kaufen sie Luxusprodukte für ihre Kinder. Und in der Schule meines Sohnes seien die Familien ganz normal. Daraufhin gab es verdutzte Blicke nach dem Motto, so ganz glauben wir dir nicht. Seit 2010 lebe ich in Prenzlauer Berg. Mein Kiez wird deutschlandweit als Synonym für Gentrifizierung, irgendwas mit Medien machen, und dekadente Bio-Schickeria. Unvergessen ist die Äußerung von Wolfgang Thierse 2012, der sich beschwerte, am Kollwitzplatz würden nur provinzielle, Dialekt sprechende Schwaben wohnen. Überhaupt herrscht bei vielen Urberlinern darüber Konsens, dass die ganzen zugezogenen Wessis die Mietpreise nach oben treiben und ihre provinzielle Mentalität nicht abschütteln können.

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Feiern kann man bei uns immer noch ganz gut, zum Beispiel in der Kulturbrauerei

Nur Schwaben? Wirklich? Wenn ich ehrlich bin, kenne ich eine einzige schwäbische Familie, die hier lebt. Mein Haus ist wirklich international. Hier leben unter anderem Leute mit britischen, kolumbianischen, ungarischen, isländischen, italienischen Wurzeln (ich!). Nicht wenige Mieter kommen aus der ehemaligen BRD, aber niemand aus Schwaben, noch nicht mal aus Baden-Württemberg. Und, ja, wir haben noch  Urberliner, diese bedrohte Art, die die Gentrifizierung scheinbar vertrieben hat. Die ältesten Mieter wohnen seit 1961 hier und werden vermutlich nicht so schnell ausziehen. Ein paar Wohnungen haben noch die gute alte Kohleheizung und von Luxussanierung ist hier zum Glück keine Spur. Nur widerwillig bessert unsere Hausverwaltung hin und wieder was nach. Viele Künstler haben wir hier tatsächlich. Musiker, Journalisten, Schriftsteller. Aber keine hochnäsige. Und auch ganz andere tolle Nachbarn, mit denen wir im Sommer im Hof einen Wein trinken.

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In den frühen 90ern fast umsonst zu haben, ist eine Mietwohnung in einem Altbau mittlerweile heiß begehrte Mangelware

Früher war alles besser? Wenn ich mir alte Fotos aus der Zeit kurz vor und nach der Wende anschaue, fällt mir auf, wie verfallen die Altbauten waren. Es erinnert mich an Kuba, wo der Putz von den Fassaden der alten Kolonialhäuser abblättert. Viele der Wohnung hatte bis in die Neunziger nur ein Klo im Treppenhaus, die Fenster waren nicht abgedichtet und es pfiff aus jeder Ritze. Aber gerade um die alten Zeiten kreist die Nostalgie der Altberliner. Ich kann nie so ganz verstehen, was dahinter steckt. Ich kann mir nicht vorstellen, warum es toll sein sollte, in einer Bruchbude zu leben und im Winter zu frieren. Okay, die Mieten waren damals lächerlich niedrig, dafür die Instandhaltung nicht vorhanden. Noch zehn Jahre DDR, und man hätte vermutlich alles abreißen müssen. Obwohl in mir durchaus ein soziales Herz schlägt, verstehe ich schon, dass der Vermieter nicht die CARITAS ist und dass eine 100 qm Wohnung für 400 warm, wie es vor 15 Jahren noch üblich war, dazu führt, dass keine vernünftige Sanierung bezahlt werden kann.

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Biergartenkultur hab’n wir ooch.

Multikulti und die Ostalgie. Okay, vielleicht finden einige Urberliner, dass  es einfach zu viele Westdeutsche und Ausländer in Prenzlauer Berg gibt.  Aber eine Hauptstadt hat nun mal ein Interesse, attraktiv zu sein. Von der ökonomischen Seite abgesehen, macht diese internationale Atmosphäre genau den Reiz einer Weltstadt aus. In Ostberlin gab es insgesamt wenige Ausländer. Aus offensichtlichen Gründen hatte fast niemand in der Welt Interesse, ins sozialistische Deutschland einzuwandern. Und kurz nach der Wende zogen Prenzlauer Berg Studenten, Punks und Künstler, die in diesem vorübergehenden Machtvakuum eine Art Anarchie ausleben konnten. Diese paar Jahre zwischen Anfang und Mitte der Neunziger sind die, die viele sich zurückwünschen. Als es keine Biocafés, keine Pizzeria und keine Dönerbude alle paar Meter, kein Einkaufszentrum und nur abgewrackte Clubs gab, in denen man wild feierte. Ich habe diese Epoche leider nicht erlebt. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie einzigartig war. Sie war es aber nur, weil sie so kurz dauerte. Es war ein Umbruch, der Beginn einer neuen Zeit. Es war wie die Wochen zwischen dem Ende der Abiturklausuren und dem ersten Unitag, in der alle Möglichkeiten und Träume offen vor einem legen.  Aber es wäre frustrierend, wenn diese Zeitspanne ewig dauern und das Studium nie anfangen würde. Und genauso öde wäre es, wenn es 26 Jahre nach der Wende immer noch bröckelnde Häuser und keine Infrastruktur gäbe.

Die reichen Hipster– Ja, die Mieten steigen, aber sie tun es überall in deutschen Großstädten. Schuld ist die Politik, die nicht dafür sorgt, dass genug preiswerte Wohnungen entstehen. Es ist aber ein Mythos, dass es hier nur finanziell gut situierte Menschen gibt. Gerade die, die schon seit über zehn Jahre hier wohnen, haben noch alte Mietverträge und zahlen immer noch einen Bruchteil von dem, was üblich ist. Aber auch die Neumieter sind nicht immer Schwerverdiener oder reiche Erben aus Stuttgart/München. Viele investieren einfach einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für Miete, weil es ihnen Wert ist, hier zu leben. Weil es viele Kindergärten, gute Schulen und Parks und Spielplätze gibt. Weil man hier nicht nur unpersönliche Ketten, sondern kleine Kiezbüchereien, Feinkostläden, Boutiquen mit Vintage-Artikeln, und kleine Märkte hat. Und das alles in Fußreichweite. Weil man dank U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn oder mit dem Fahrrad ratzfatz überall in Berlin ist. Diese hohe Lebensqualität ist vielen Menschen einiges wert, und manche bleiben lieber in einer 90 qm Wohnung mit zwei Kindern als für das gleiche Geld ein Haus am Stadtrand zu ziehen, wo ein Einkauf bei ALDI schon als Kultur zählt.

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Die Ring-Bahn und die U-Bahn Linie U2 überqueren Prenzlauer Berg, dazu viele Busse und Straßenbahnlinien

Latte-Macchiato-Mütter, wo seid ihr? Apropos verwöhnte Tyrannen, die nur Bioobst essen, Holzspielzeug bekommen und für die Eltern das Zentrum des Universums sind. Wenn man Klischees glaubt, gibt es hier nur solche kleine Monster. Kurz zusammengefasst: Ich kenne keine. Und ich kenne jede Menge Kinder, die hier wohnen, von 0 bis 18 Jahren. Deren Eltern kaufen manchmal bei Al Natura ein, und manchmal bei LIDL. Sie haben vielleicht eine Murmelbahn aus Holz, aber auch Minions aus Plastik von McDonalds. Ihre Mütter (und Väter) trinken manchmal Latte Macchiato im Café, aber manchmal auch Bier oder Cola im Prater, während die Sprösslinge barfuß im Spielbereich rumrennen und sich dreckig machen.  Und, nein, die meisten Eltern die ich kenne haben, wie alle Eltern in der Welt, keine Zeit um ständig pädagogisch wertvoll zu diskutieren. Wenn die Kinder bocken, gibt’s einfach Ärger.

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Biomarkt und Spielplatz stehen wie keine andere Begriffe für Prenzlauer Berg

Clevere Parkhilfe und Blinklicht fürs Fahrrad: Highlights der Langen Nacht der Startups 2016

Ich hatte das Vergnügen, am letzten Samstag an der vierten Langen Nacht der Startups teilzunehmen. An vier Standorten zeigten Geschäftsgründer ihre Ideen im Bereich Technologie, Verkehr, Lebensmittel, Finanzen und Energie. Die vier Stätten VW-Forum, Microsoft Atrium, Hauptstadtrepresentanz der Deutschen Telekom und Deutsche Bank Atrium befanden sich alle in der Friedrichsstraße/Unter den Linden. Die Veranstaltung war gut besucht, trotzdem konnte ich mich mit vielen Menschen unterhalten.

Das Fahrrad blinkt. Ich bin leidenschaftliche Fahrradfahrerin, und so ist mein Blick sofort am Blinkers Stand hängen geblieben. Javier Fernández de Alegrías kommt aus dem Baskenland, wohnt und arbeitet aber in Zürich und liebt das Radfahren. Mit einigen Freunden hat er Velohub gegründet, das Technologie für Drahtesel entwickelt. Eine der Fragen, die sofort auftauchte, erzählte er, ist die Sicherheit, besonders nachts und in der dunklen Jahreszeit. Die Statistik für Berlin bestätigt, dass die meisten Unfälle geschehen, weil Radfahrer beim abbiegen übersehen werden. Kernprojekt des jungen Unternehmens ist Blinkers, ein Blinker für das Fahrrad. Sowohl am Lenkrad, als auch unter dem Sattel können die Lichter angebracht werden. Sie sind mit einem Pad steuerbar, der am Lenkrad angebracht wird. Das Licht funktioniert auch als Standlicht, das Hintenlicht zusätzlich als Bremslicht.

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Das Projekt „Blinker“ haben Javier und seine Freunde mit Hilfe der Plattform Kickstarter finanziert

 

Smarte Parkhilfe. Von Fahrrädern zu Autos. Parken in der Stadt in der Alptraum jedes PKW-Fahrers. Ich habe kein Auto, unter anderem genau aus diesem Grund. Vor ein paar Jahren bin ich das letzte Mal mit einem Car-Sharing Wagen gefahren und hätte beim Einparken heulen können, weil nirgendwo eine Lücke zu finden war. Victor Ter Smitten und Dominik Wursthorn von SoNah erklärten mir ihre intelligente Parkhilfe, die sich noch in der Testphase befindet.Die Idee dahinter ist, über einen längeren Zeitraum Daten über die Parkmöglichkeiten an den verschiedenen Orten zu sammeln, zum Beispiel durch Sensoren an Laternen oder Ampelmasten. Mit Hilfe von Statistikmodellen sagt die Software voraus, wo innerhalb eines Radius mit großer Wahrscheinlichkeit ein Parkplatz frei wird. Als Pilotprojekt läuft SoNah zunächst in Aachen, wo die Firma ansässig ist. Die Jungs planen aber so bald wie möglich den Einsatz in jeder deutschen Großstadt. Und natürlich eine App.

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Victor ter Smitten und sein Team möchten SoNah irgendwann in herkömmlichen Navigationssystemen integrieren

 

Reha von zu Hause. Wer hat das nicht schon erlebt? Wenn man ständig am Rechner sitzt, bekommt man Rückenschmerzen. Der Arzt/Physiotherapeut empfiehlt Gymnastikübungen für zu Hause, und dann weiß man nicht mehr, wie das geht, oder kann sich einfach nicht motivieren. Caroline Jannasch von AmbiGate hat mit ihrem Team eine Hilfe für Heimfitness erfunden. Eine mit Lasertechnologie ausgestattete Box nimmt die Bewegungen des Anwenders wahr und vergleicht sie mit der korrekten Ausführung. Gibt es eine Abweichung, zeigt ein virtueller Trainer auf dem Bildschirm, wie es richtig geht. In naher Zukunft, so die Pläne, soll die Technologie getestet und zertifiziert werden. Dann könnten Unternehmen die Box kaufen oder mieten, um ihre Mitarbeiter zum Sport zu motivieren, möglicherweise würden die Krankenkassen sogar das Gerät finanzieren.

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Caroline Jannasch will mit ihrem Team Rehamaßnahmen von zu Hause ermöglichen

Fazit. Manche Innovationen, wie die Parkhilfe, der Fahrradblinker und die Heimreha könnten wirklich den Alltag erleichtern und ich kann mir vorstellen, dass sie sich durchsetzen. In anderen Bereichen, wie bei neuen Internetportalen zu verschiedenen Themen, ist die Konkurrenz sicherlich härter. Aber auch hier werden viele Gründer Erfolg haben. Ich freue mich auf die nächste Nacht der Startups.

Welcome Festival-Schön, dass ihr da seid

Wunschbaum
Selbstgebastelter Wunschbaum mit Kinderbotschaften

 

Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen haben sich am Samstag auf dem Tempelhofer Feld neue und alte Berliner versammelt, um mit dem Welcome Festival den ersten Jahrestag der Willkommenskultur zu feiern. Genau vor einem Jahr hatte eine Gruppe engagierter Neuköllner ein Picknick organisiert, um Geflüchtete willkommen zu heißen, die nach der vorübergehenden Grenzöffnung Berlin erreicht hatten.

Viele dieser Menschen waren nun am Samstag als Festival-Mitgestalter anwesend und haben Workshops angeboten, gesungen, gespielt oder für die vielen Teilnehmer gekocht. Zahlreiche Ehrenamtliche haben ihre Projekte vorgestellt, auch um neue Unterstützer zu sammeln. Das Engagement vieler Bürger im letzten Jahr sei überwältigend gewesen, so eine Helferin, aber es sei genauso wichtig, weiter zu machen, denn die Neuankömmlinge benötigen noch Unterstützung im Alltag, um in Deutschland voranzukommen.

Banu, Alex, Eric und Fasila warben mit einem Stand für ihre Initiative Schlafplatz.org. Die Börse vermittelt obdachlosen Flüchtlingen einen Schlafplatz, sowohl temporär als auch längerfristig. „Es basiert viel auf Vertrauen“ sagt Banu „Wir kennen die Menschen und wissen, dass sie in Ordnung sind. Es ist sonst für die Leute nicht einfach, sich Fremde in die Wohnung zu holen. Und die Gäste müssen den Gastgebern ebenfalls trauen. Viele schämen sich für ihre Situation und schlafen lieber auf der Straße. Daher ist die Vermittlung sehr wichtig.“

SchlafplatzOrg
Banu, Fasila, Alex und Eric vermitteln Geflüchteten in Notsituation Schlafplätzen in privaten Wohnungen

Auch das junge Projekt „RESTART„, das geflüchteten Künstlern ermöglicht, ihre Werke in einem Online-Auktionshaus anzubieten, war dabei. Mitgründerin Maria sprach von der vielen PR-Arbeit, die nötig ist, damit viele Menschen die Plattform kennen. Ziel ist, den zwanzig syrischen Malern, Designern und Fotografen auch eine finanzielle Perspektive in Deutschland anzubieten, damit sie hier neu starten.

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Das RESTART-Team. Ziel ist, geflüchteten Künstlern einen Einstieg in die deutsche Kunstszene zu ermöglichen

Neben Vereinen zog das Festival viele Bewohner der benachbarten Notunterkunft im Hangar des Tempelhofer Felds, die seit Oktober 2015 über 2000 Menschen beherbergt. Karim, Jurist aus Afghanistan, ist einer von ihnen. Er ist seit einem Jahr hier und um die Freundschaft der Berliner dankbar, sagt er auf Englisch, während er an einem Malworkshop teilnimmt. Er möchte diese große Chance nutzen und zuerst seine deutsche Sprachkenntnisse verbessern und dann Elektrotechnik studieren.

Karim
Dankbar für tolle Freundschaften und voll von Zukunftsplänen:Karim aus Afghanistan

Unter den musikalischen Highlights war die Syrian Expat Philharmonic Orchestra, das erste syrische Orchester im Exil, gegründet 2015 von Raed Jazbeh, Kontrabassist aus Damaskus. Aber auch die Multikulti-Band Bukahara mit ihren orientalischen-jazzigen Tönen war dabei.  Den vielen anwesenden Kindern erwartete auch ein buntes Programm, darunter Jonglierseminare, Parcours und arabische Märchen.  Bis in den Abend hinein wurde getanzt, auf der Wiese gebolzt, gegessen und gelacht.

Angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen möchte man meinen, die Willkommenskultur in Deutschland sei gefährdet. Doch die vielen Menschen, die am Welcome Festival teilnahmen, zeigen eine andere Facette unserer Gesellschaft. Sowohl die Neu- als auch die Altberliner beweisen, dass Integration nur stattfindet, wenn der Neue nicht nur der Flüchtling sondern der Musiker, der Koch, der Maler, der Nachbar ist. In diesem Sinne freue ich mich auf das nächste Welcome Festival.

Tauziehen
Tauziehen auf der Wiese auf dem Welcome Festival

 

 

Der Prenzlauer Berg von Lichtenberg: Unterwegs im Kaskelkiez

Ein Dorf in der Stadt. Nachdem ich am S-Bahnhof Nöldnerplatz aussteige und der Unterführung unter dem Bahndamm folge, verlasse ich, so kommt es mir vor, den Trubel der Großstadt und befinde mich plötzlich in einem malerischen Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Ich sehe pastellfarbene Bauten aus der Gründerzeit und Menschen, die auf dem Kopfsteinpflaster gemütlich radeln, als ich an der Türrschmidt-/Ecke Kaskelstraße halte. Chris, mein Reiseführer, wohnt seit Jahren hier im Kiez. Er begrüßt Kosta, den Besitzer des benachbarten Cafés „Nadja + Kosta“, und plaudert gleich ein paar Minuten mit ihm. So sei es hier immer, sagt er mir später. Der von den Bahntrassen umschlossene Kiez ist eine Stadt für sich, alle kennen sich und die, die man nicht kennt, lernt man schnell kennen.

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Kaffee trinken, Zeitung lesen, mit den Nachbarn plaudern bei Nadja+Kosta. Kiezbewohner schätzen die familiäre Atmosphäre

Die Anfänge der Victoriastadt. interessiert sich für Geschichte, insbesondere für lokale Begebenheiten. Die Entstehung der Victoriastadt, erzählt er, ist mit der Entwicklung der Bahnlinie Berlin-Warschau verbunden, die um 1840 gebaut wurde. Die beginnende Industrialisierung zog immer mehr Menschen aus dem Land nach Berlin und in seine Vororte, die Bevölkerung der Gemeinde Boxhagen-Rummelsburg, die damals nicht zu Berlin gehörte, wuchs stetig. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte Wohnungsnot.Die Wollfabrikanten Anton und Albert Lehmann bauten Behausungen für die Arbeiter aus Zement, einem damals völlig neuen Material, und Schlacke. Die günstigen Schlackehäuser waren dunkel, nicht unterkellert und ohne Toiletten im Garten. Da sie nicht vollständig austrockneten, erwies sich diese Bauweise als nicht zukunftsträchtig, so dass die meisten später abgerissen wurden. Chris zeigt mir die wenig erhaltenen, später modernisierten Schlackehäuser in der Türrschmidtstraße und in der Spittastraße.

Niedergang in der DDR. Der Name „Victoriastadt“, erklärt er mir, geht auf die Bauherren zurück, die die Siedlung wegen ihrer Geschäftsbeziehungen in das damalig industriell fortschrittliche Britische Königreich zu Ehren der Britischen Königin tauften. Sowohl die Türrschmidt- als auch die Kaskelstraße sind von Gründerzeitbauten mit ausgeschmückten Giebeln und bunten Fassaden geprägt. Sie sind zwischen dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, als die Reparationszahlungen Frankreichs nach dem Deutsch-Französischen Krieg einen regelrecht Bauboom in Deutschland entfachten. Im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen weitgehend verschont, sind sie während der DDR-Zeit zunehmend auseinander gefallen. Haftentlassene aus dem Gefängnis Boxhagener-Rummelsburg wurden damals in die Häuser einquartiert. Während und kurz nach der Wende besetzten Obdachlose viele dieser maroden Wohnungen. Vom ehemaligen Verfall merken wir aber nichts mehr, während wir entlang der Türrschmidtstraße an Bioläden, Eisdielen und bunt bemalten Kinderläden vorbei schlendern. Heute leben viele Künstler und junge Familien hier im Kiez. Deswegen, und für seine hohe Dichte an Altbauten, wird der Kaskelkiez „Der Prenzlauer Berg von Lichtenberg“ genannt.

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Eine Tafel erinnert an die ersten Arbeiterquartiere in der Türrschmidtstraße

Türrschmidtstraße. In der Türrschmidtstrasse befand sich das 1901 errichtete Rathaus Rummelsburg, das während des Zweiten Weltkriegs an dieser Stelle zum Teil zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Der Flügel, der erhalten blieb, wird noch heute von der Stadt genutzt. Wir gehen durch den Park, der auf der Fläche des ehemaligen Stadthauses steht. Es nieselt, die Luft ist kühl, und wir verspüren wenig Lust, uns auf die Bänke zu setzen. Mir fallen die Säulen auf, die einen Metallbogen stützen. Es handelt sich um das Denkmal Hartungsche Säulen , der an die gusseisernen Pfeilen erinnert, die damals die Eisenbahnbrücke stützen.

Tuchollaplatz. Wir gehen weiter und kommen zum Tuchollaplatz, der dem hier wohnhaften Ehepaar Felix und Käthe Tucholla gewidmet ist, die 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden, weil sie den Widerstand unterstützten, in dem sie unter anderem verfolgten Widerstandskämpfern Schutz boten. Heute findet hier ein Wochenmarkt statt, an dem Händler Produkte aus der regionalen Landwirtschaft anbieten.

Tuchollaplatz
Der nach den Widerstandskämpfern Felix und Käthe Tucholla benannte Tuchollaplatz

Das Wahrzeichen. Durch einen Tunnel geht es in die Nölderstraße, die parallel zur Türrschmidtstraße verläuft. Als erstes fällt mir der hohe Turm auf, der das Straßenbild prägt. Der Schrotkugelturm, der zu einem Wahrzeichen der Victoriastadt geworden ist, wurde 1908 von der Familie Juhl errichtet, der die Bleigießerei und Maschinenfabrik Juhl & Söhne besaß. Flüssige Bleitropfen fielen 38 m nach unten in ein Legierungsbad und bekam so eine runde Form. Seit 1994 unter Denkmalschutz, wurde die Fabrik nach der Wende geschlossen.

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Der Schrotkugelturm in der Nöldnerstraße

Marktstraße. Auf der anderen Straßenseite finden wir die 1890 errichtete Erlöserkirche. Bis zu 5000 Menschen aus dem ganzen Land trafen sich Anfang der Achtziger Jahre unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ hier und hielten Bluesmessen. Jenseits der Gleise laufen wir die Marktstraße herunter und am modern anmutenden, 1995 erbauten Victoria-Center vorbei. Der Glas- und Stahlbau bildet einen Kontrast zu dem Backsteinbau, der einst der Knorr Bremse AG gehörte. Während des Zweiten Weltkriegs wohnten im Viertel viele Zwangsarbeiter, hauptsächlich aus Polen und aus der Ukraine, die in der Fabrik arbeiteten. Nicht wenige von ihnen fielen Luftangriffen zum Opfer, da die Luftschutzkeller den Einheimischen vorbehalten waren. Heute ist hier die Deutsche Rentenversicherungsanstalt ansässig.

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Kiezexperte Chris vor dem Ausbildungsrestaurant „Am Kuhgraben“

Soziales Engagement im Kiez. Über die Hirschbergstraße, die Schreiberhauerstraße und die Kaskelstraße, kommen wir in die Pfarrstraße. Hier befindet die Sozialdiakonie, die besonders nach der Wende eine Schlüsselrolle in der Integration von Jugendlichen und im Kampf gegen die erstarkte rechtsradikalen Szene spielte. Chris erzählt von den vielen Veranstaltungen und Jugendprojekten, die heute noch stattfinden. An den Kuhgraben in der Pfarrstraße, einen Graben der im 19. Jahrhundert die Grenze zwischen den Landgemeinde Rummelsburg und der selbständigen Stadt Lichtenberg markierte, erinnert heute nur das gleichnamige Restaurant, das von der Sozialdiakonie betrieben wird und sozial benachteiligten Kindern Jugendlichen eine Ausbildung ermöglicht. In dem Restaurant endet vor einem Fischteller, einem dampfenden Schnitzel und zwei frischgepressten Säften unser Spaziergang.

Gastbeitrag von Sina Thomas: Amerikaner in Berlin

In Berlin leben zur Zeit zirka 20 500 Amerikaner. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass in den letzten 10 Jahren die Zahl der Amerikaner, die nach Berlin ziehen, sich sogar verdoppelt hat. Doch was lockt sie so sehr hierher und was suchen sie in der neuen Heimat? Die Antworten darauf finden Sie hier:

  1. In Berlin sind die Lebenshaltungskosten unvergleichlich günstig

Das sagen die meisten jungen Leute aus Amerika. Nach dem Bericht über die teuersten Städte der Welt der britischen Analyse-Firma „Economist Intelligence Unit“ (EIU) kommt Berlin auf Platz 78 von 133 untersuchten Städten. Trotz der Steigerungen der letzten Jahre, bleiben die Mieten im internationalen Vergleich preiswert und für sein Geld bekommt man eine schönere und größere Wohnung als in den USA. Die US-Bürger sind vor den Chinesen und Russen die größten Investoren im Bereich Immobilien. Die Kosten für Lebensmittel, Mobilität und Unterhaltung sind ebenfalls niedriger als woanders in Europa.

  1. Das Wetter in Berlin ist angenehm

Amerikaner finden die hohe Luftqualität in Berlin ganz toll. Außerdem kann man hier die      vier Jahreszeiten erleben. Dank des kontinentalen Klimas beträgt die durchschnittliche Jahrestemperatur ungefähr 13,1 Grad. Damit gehört Berlin zu den wärmsten Städten Deutschlands. Im Vergleich zu den eisigen Wintern im Nordamerika ist der Winter hier ebenfalls mild

  1. Amerikanische Jungfamilien fühlen sich wohl in Berlin

In Berlin können Jungfamilien finanziell erschwingliche Kindergärten und Krippen für ihre Kinder finden. In den USA dagegen sind die Kosten für Kinderbetreuung sehr hoch. Außerdem findet man hier oft zweisprachige Einrichtungen, englisch-deutsche Kitas sind weit verbreitet.

  1. In Berlin kann man 24 Stunden lang Party machen

Berlin hat ein abwechslungsreiches, einzigartiges Nachtleben und viele Optionen zum Ausgehen. In Berlin geht es später los – dafür aber länger. Die ganze Nacht sind zahlreiche Discotheken, Clubs und Tanzlokale offen. Amerikaner sind begeistert von “Berghain”, vom „Watergate” oder vom „Kater Holzig” – Diese Clubs sind nicht nur in der ganzen Welt bekannt, sondern sie sind aus einer anderen Welt. Hier herrscht der pure Wahnsinn.

  1. Berlin und die Kunst

Amerikanische Künstler lieben Berlin. Die Stadt mit ihren Chancen und Perspektiven für junge Leute ist ein großer Anziehungspunkt vieler Amerikaner. Der amerikanische Künstler Eric Cloutier äußert sich in diesem Zusammenhang: „Ich muss mir keine Sorgen um Rechnungen machen. Ich kann ein paar Auftritte machen und die restlichen 28 Tage des Monats an meiner Musik arbeiten.“ Was in New York auf keinen Fall möglich ist.


Was überrascht die Amerikaner, wenn Sie zum ersten Mal nach Berlin kommen?  Manche staunen tatsächlich, dass nicht alle traditionelle Kleidung tragen und dass man in Berlin nicht jeden Tag Weißwurst isst, sagt Sina Thomas.

Zur Person:

Sina Thomas ist 30 Jahre alt, von Beruf Umzugsexpertin und lebt seit 10 Jahren in Berlin. Auf ihrer Seite http://www.umzugbewertungen.de schreibt sie Beiträge in der Rubrik „Umzug von A bis Z“

 

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Trotz Steigerungen in den letzten Jahren bleiben Berliner Mieten im internationalen Vergleich günstig

Streetart in Berlin Teil 1

Berlin ist die Hauptstadt der Street Art. Einst als Protest oder politische Botschaft geboren, sind Graffiti zu einem festen Bestandteil der urbanen Landschaft geworden. Berliner Ecken zeigt die buntesten Häuser der Hauptstadt.

Stree Art hat in Berlin eine lange Tradition. Sowohl im Ostteil als auch im Westteil der geteilten Stadt sprühen Künstler seit den 70ern auf die Hauswände. 1990 versammeln sich Künstler und malen an der ehemaligen Berliner Mauer Kunstwerke, die Freiheit, Frieden und die Wiedervereinigung darstellen. 18 Jahre später werden die von Witterung und Immobilienspekulationen zerstörten Werke von den gleichen Künstlern im Rahmen eines Projekts neu gemalt: die East Side Gallery, heute eine Hauptattraktion für die Touristen, wird geboren. In den Neunziger Jahren und nach der Jahrtausendwende werden die Graffiti immer mehr. Nicht alle sind ungewollt: die Stadtbezirke und private Wohnungsbaugesellschaften geben die Kunstwerke im Auftrag. Zuletzt sorgte ein von der Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG im Auftrag gegebenen Kunstwerk für Empörung unter den Einwohnern der Wohnsiedlung Neheimer Straße in Tegel. Das weinende Mädchen und das von Pfeilen durchbohrte Mann würde die Kinder einer benachbarten Kita erschrecken und gegen den Geschmack verstoßen. Doch manchmal gehen auch die Künstler auf die Barrikaden. Im Dezember 2014 lässt der italienische Künstler Blu seine Werke in der Cuvrystraße in Kreuzberg schwärzen, um gegen den geplanten Verkauf des bis dahin frei zugänglichen Areals protestieren, auf dem ein Supermarkt und Wohnungen entstehen sollen. Und der Berliner Jim Avignon übermalt seine Graffiti auf der East Side Gallery mit dem Slogan „Money Machine“, um gegen die Kommerzialisierung der Street Art ein Zeichen zu setzen.

 

 

Wenn das Mädchen den Gotteskrieger liebt: Lesung mit Güner Balci

Allein aus Deutschland kämpfen zurzeit 600 Frauen für den Islamischen Staat in Syrien. Was sind ihre Gründe, ihre Freiheit aufzugeben, um Soldatinnen Allahs zu werden? Ist der Islam an dieser Radikalisierung völlig unschuldig, wie viele Gelehrten behaupten, oder steckt in ihm bereits der Keim dieser Verwandlung? Das neue Buch von Güner Balci versucht, Antworten zu geben.

Eine Herzensangelegenheit. Die Journalistin Güner Balci ist als Expertin für islamische Migranten in Berlin bekannt, unter anderem für ihre Bücher „Arabboy“ (2008) , „Arabqueen“ (2010) und „Aliyahs Flucht“ . Für ihren Dokumentarfilm „Jungfrauenwahn“, in dem sie sich mit der Sexualität muslimischer Frauen auseinandersetzt, hat sie 2016 den Bayerischen Fernsehpreis gewonnen. Selber ist sie in Berlin-Neukölln in einer alevitischen, liberal eingestellten Familie aufgewachsen. Sie bezeichnet die Stellung der muslimischen Frauen in Deutschland als „das Thema ihres Lebens“

Das Mädchen und der Gotteskrieger. Im Heimathafen Neukölln stellte sie am 23.06.2016. ihr neues Buch „Das Mädchen und der Gotteskrieger“ vor. Balcis tragische Heldin ist diesmal die Berlinerin Nimet, 16 Jahre alt, die in ihrer Freizeit auf Facebook und Tumblr unterwegs ist, mit ihren besten Freundin Cayenne  in die Kulturbrauerei tanzen geht und von der großen Liebe träumt. Mit dem muslimischen Glauben haben weder sie noch ihre Eltern etwas am Hut. Ihr Vater hat eine neue Familie, ihre alleinerziehende Mutter ist berufstätig und leicht depressiv und ihre Schwester führt eine schwierige Beziehung mit einem Macho. Von der gleichaltrigen Konvertitin Nur ist sie zuerst abgestoßen, aber gleichzeitig stellt sich Nimet viele Fragen, wie alle Teenager. Als sie eine scheinbar zufällige Whatsapp-Nachricht von einem unbekannten Mann namens Saed bekommt, ist sie zunächst ebenfalls irritiert und hält ihn für einen der vielen Spinner, die sich in den Social Networks herumtümmeln. Doch Saed, der angeblich Flüchtlingen in Syrien hilft, gibt sich weise und sanft. Er spielt mit Nimets Suche nach einem Sinn im Leben und mit ihrem Wunsch nach Anerkennung und lässt ihr glauben, im Islam stecke die Antwort auf ihre Fragen.  Nimet liest zum ersten Mal im Leben den Koran, empört sich über die Leere der westlichen Gesellschaft, verschleiert sich schließlich. Nour, nun ihre beste Freundin, untermauert diese Ansichten und zieht Nimet in ihre Schwarzweißwelt, in der die bösen Ungläubigen die guten Muslime zerstören wollen. Ohne Saed je gesehen zu haben ist Nimet bereit, ihr Leben in Berlin zu verlassen, um im Gottesstaat zu leben. Erst in Syrien dämmert ihr ein, dass nichts ist, wie Nour und Saed versprechen, und dass sie in großer Gefahr steckt.

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                                               Autorin und Islamexpertin Güner Balci

 

 Die muslimische Frau in der Familie. Güner Balci macht am Anfang der Lesung klar, dass Nimet ein Produkt ihrer Phantasie ist. Der Grund, diese Figur zu erschaffen, liege in der Tatsache, dass sie die Wirkung des „pervertierten Patriarchats“, so nennt sie den ultrakonservativen Islam, verstehen und beschreiben wollte. Nimet und auch ihre Freundin Nur sind eine Collage vieler Frauen, die die Autorin in ihrer jahrzehntelangen Arbeit in der muslimischen Jugendszene kennengelernt hat. Sie beschreibt ein Treffen mit Pierre Vogel in einer salafistischen Moschee in Duisburg-Marxloh, in der vor einigen Jahren eine Konvertitin ihr ihre Geschichte anvertraute, und Gespräche mit Oberschülern aus Berlin-Wedding, die ihr von der Propagandamaschine des Westens erzählten, die ihrer Meinung nach Lügen über den Islamischen Staat verbreitet. Die Frage, ob die Beweggründe für eine Dschihadreise geschlechtsspezifisch seien, bejaht sie. Während die Männer vor allem Abenteuer suchten, ginge es der Frauen darum „für den einen Mann zu glänzen“. Die Gründe für eine solche Entscheidung sieht die Autorin in der traditionellen Rollenverteilung und in dem Frauenbild, die dem Islam zu Grunde legen. Selbst in scheinbar modernen Familien, wie die von Nimet, haften immer noch archaische Vorstellungen und Tabus an den Frauen, besonders was ihre Sexualität angeht. Die jungen Mädchen schwanken zwischen der freien Gesellschaft, in der sie leben, und das schlechte Gewissen ihrer Kultur gegenüber, wenn sie mit dem anderen Geschlecht flirten, sich schminken, vor der Ehe Sex haben.

Labile Kinder. Wenn die vielen Zweifeln der Pubertät dazu kommen, ergibt sich ein labiles Gleichgewicht und eine Anfälligkeit für Modelle wie das des radikalen Islams, das alle Antworten zu kennen scheint und Anerkennung gegen Freiheit verspricht. Typisch für muslimische Familien, so die Autorin, sei die Tatsache, dass die Teenager selten in ihrer Findungsphase rebellieren, in dem sie sich für andere politische oder kulturelle Strömungen interessierten, sondern oft den Islam wählen, um sich entweder davon abzugrenzen oder darin einzugehen. Bei Konvertiten spiele das islamische Milieu aber aber auch eine große Rolle. Oft handele es sich um Kinder die zu Hause keinen Halt finden und zu viele Freiheiten sehr früh erleben. Wenn sie in der Schule oder im Freundeskreis mit der islamischen Subkultur in Berührung kommen, wirkt diese oft anziehend, weil sie Sinn und Anerkennung verspricht.

Parallelgesellschaften. Die Autorin, die schon vor zwölf Jahren einen Film über den später abgeschobenen Hassprediger Yakup Tasci aus Kreuzberg drehte, forschte für ihr Buch unter anderem in Internetforen, in denen Jihad-Bräute rekrutiert werden. Für gefährlich hält sie vor allem die vielen Verschwörungstheorien, die hier kursieren, darunter dass Israel und die USA im Nahost Krieg gegen den Islam führen würden und deswegen als das Böse schlechthin anzusehen seien. Längst bevor die jungen Menschen nach Syrien reisen, wird die Welt in Gut und Böse unterteilt und jeden Bereich infiltriert. Selbst Cola trinken oder ins Kino wird so zu einem politischen Statement. Ihrer Meinung nach ist eine Integration der muslimischen Migranten nur möglich, wenn der Staat einen aufgeklärten Islamunterricht in den Schulen anbietet und den Kindern früh vermittelt, dass Religion und westliche Welt keine Gegner sind, sondern sich ergänzen können. Schon seit Jahren beschuldigt Güner Balci die deutschen Politiker, aus Angst vor Rassismus die Augen  zu verschließen. Ihr neues Buch ist ein erneuter Weckruf, endlich tätig zu werden.

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Die Geschichte von Nimet

[1] Interview mit Güner Balci vom 13.12.2014 über Sarrazin und dem Islam.